#7 Der Steinmetz

Shownotes

Ein eiskalter Januarmorgen, ein 70 Kilogramm schwerer Stein und eine fatale Kraftanstrengung: In dieser Folge von WORKlich?! widmen wir uns dem Fall des Steinmetzes Paolo, der während der Arbeitszeit eine Blutung im Gehirn erleidet.

Lange Zeit war strittig: Ist eine innere Verletzung ohne sichtbare Einwirkung von außen überhaupt ein Arbeitsunfall? Wir begleiten den Weg von Paolo und klären Fragen wie: Was ist eine „Gelegenheitsursache“? Warum kann physikalischer Widerstand als „äußere Einwirkung“ gelten? Und wann sollten Heben und Tragen nur mit der eigenen Kraft eigentlich verboten werden?

Host Fenja Fieweger begrüßt dazu eine neue Expertin im Studio: Katharina Lechner, Fallmanagerin in der Rehabilitation am Standort München der VBG, ordnet den Fall juristisch ein und erklärt, warum hier eine Gefährdungsbeurteilung wichtig gewesen wäre.

Mehr Infos zum Thema Gefährdungsbeurteilung findet ihr hier: https://www.certo-portal.de/artikel/das-muessen-sie-zur-gefaehrdungsbeurteilung-wissen

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Hinweis: Bei dem besprochenen Urteil handelt es sich um einen Einzelfall.

Transkript anzeigen

00:00:01: WORKlich?! der Certo-Podcast über ungewöhnliche Arbeitsunfälle.

00:00:05: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von WORKlich?! dem Certo-Podcast über ungewöhnliche Arbeitsunfalle.

00:00:11: Hier beleuchten wir kuriose und spannende Fälle des Versicherungsschutzes, erzählen euch die dazugehörigen erstaunlichen Geschichten und klären die entscheidenden Frage – greift der gesetzliche Unfallversicherungsschutz?

00:00:24: Heute habe ich wieder einen außergewöhnlichem Fall mitgebracht!

00:00:27: Und bin sehr gespannt, was die Sozialgesetzbücher und die Rechtsprechung dazu sagen.

00:00:32: Für die rechtliche Einordnung freue ich mich eine neue Expertin hier im Studio zu begrüßen!

00:00:37: Katharina Lechner, Fallmanagerin in der Rehabilitation am Standort München der VBG.

00:00:42: Liebe Katharina, schön dass du da bist.

00:00:44: Hallo Fenja, schön, dass ich da sein kann.

00:00:46: Ich freu mich sehr, hier dabei zu sein und ich bin gespannt auf meinen ersten Fall.

00:00:50: Bevor es losgeht, möchte ich euch auch diesmal darauf aufmerksam machen, dass es sich bei dem vorgestellten Fall um eine Einzelfallentscheidung handelt.

00:00:58: Jeder Versicherungsfall wird durch den Unfallversicherungsträger individuell geprüft.

00:01:03: Jeder Fall hat seine Besonderheiten.

00:01:07: Das klingt als hätte sich da jemand gewaltig angestrengt oder?

00:01:11: Dieses Geräusch bringt uns zurück zum 27. Januar 1995.

00:01:15: Es ist bitterkalt.

00:01:17: Unser Protagonist, nennen wir ihn Paolo, ist damals 55 Jahre alt und arbeitet als Steinmetz.

00:01:24: Sein Auftrag an diesem Januartag: er soll eine Grabstätte abräumen.

00:01:28: Dafür muss er einen massiven Steinbrocken hochheben, der etwa 70 Kilogramm wiegt.

00:01:33: Das Problem?

00:01:34: Der Stein ist am Boden festgefroren.

00:01:36: Paolo greift fest zu, spannt jeden Muskel an und reißt mit enormer Kraft an dem 70-Kilo Block.

00:01:42: Doch anstatt, dass sich der Stein löst, passiert etwas Schreckliches.

00:01:46: Mitten in dieser extremen Kraftanstrengung spürt Paolo plötzlich einen stechenden und extremen Kopfschmerz.

00:01:53: Er bricht ab und wird zum Glück sofort ins Krankenhaus gebracht Denn dort lautet die Diagnose: Subarachnoidalblutung.

00:02:00: Paolo hat also eine schwere Blutung im Gehirn.

00:02:03: Er überlebt, leidet aber seitdem an Bluthochdruck und weiteren schweren Folgeerkrankungen.

00:02:08: Paolo meldet seinen Unfall als Arbeitsunfall.

00:02:11: Er hat ja schließlich im Rahmen seiner Arbeit so schwer gehoben.

00:02:14: Doch die Berufsgenossenschaft lehnt ab.

00:02:16: Katharina, was meinst du?

00:02:17: Warum hat die Berufsgenossenschaft hier gesagt, dass es sich nicht um einen Arbeitsunfall handelt?

00:02:22: Um das zu erklärt muss man ein bisschen ausholen.

00:02:24: Das SGB 7 definiert, was die Voraussetzungen für eine Arbeitsunfälle sind.

00:02:28: Per Definition ist ein Arbeitsunfalls ein zeitlich begrenztes, von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis, dass während einer versicherten Tätigkeit zu einem Gesundheitsschaden führt.

00:02:37: Hier gab es keine zwingend erforderliche äußere Einwirkung.

00:02:40: Die Blutung passierte im Inneren des

00:02:42: Körpers.

00:02:43: Ich verstehe, ein Unfall ist demnach in erster Linie ein Sturz, ein Schnitt, eine geklemmte Hand und dennoch – im Kopf unseres Protagonisten ist ja etwas geplatzt!

00:02:52: Aber die Berufsgenossenschaft holte mehrere Gutachten ein und blieb dabei: Es läge kein eigentlicher Unfallhergang vor und die Gehirnblutung hätte auch bei jedem anderen Anlass auftreten können.

00:03:04: Das akzeptierte Paolo aber nicht. Er klagte in erster Instanz beim Sozialgericht Wiesbaden, welches die Klage abwies.

00:03:11: Dann in zweiter Instanz im Hessischen Landessozialgericht.

00:03:15: Und dieses Gericht kam zu einem anderen Urteil und gab Paolo Recht.

00:03:19: Katharina was hat das Gericht dazu bewogen den Unfall als Arbeitsunfall anzuerkennen?

00:03:24: Das ist eine gute Frage!

00:03:26: Hier hat das Gericht zum einen festgestellt, dass der Kläger einen Unfall bei einer versicherten Tätigkeit erlitten hat.

00:03:31: Außerdem gab es keine vorbestehende Gefäßschädigung beim Kläger.

00:03:35: Und die körperliche Anstrengung beim Anheben des Steins war die rechtlich wesentliche Ursache für die Auswirkungen auf den Körper des

00:03:41: Klägers.

00:03:41: Das klingt für mich einleuchtend!

00:03:43: Doch für Paolo ging es noch weiter, denn die Berufsgenossenschaft wollte die Entscheidung nicht hinnehmen und legte Revision beim Bundessozialgericht ein.

00:03:51: Hier bekam Paolo dann aber endgültig Recht – die Begründung fand das Gericht in der Physik.

00:03:56: Die äußere Einwirkung, die ja per Definition bei einem Arbeitsunfall vorhanden sein muss, bestand hier nämlich in der unsichtbaren Kraft, die der schwere festgefrorene Stein dem Versicherten entgegensetzte.

00:04:08: Zusammen mit der Tatsache, das Paolo gesundheitlich nicht besonders vorbelastet war, war diese berufsbedingte Einwirkung nicht nur eine zufällige Gelegenheitsursache sondern die rechtlich wesentliche Bedingungen für den Gesundheitsschaden.

00:04:20: Und

00:04:21: damit fällte das höchste deutsche Sozialgericht ein wegweisendes Urteil.

00:04:25: Der Leitsatz lautet: Die für einen Arbeitsunfall erforderliche äußere Einwirkung auf den Körper kann auch darin bestehen, dass durch betriebliche Einflüsse eine krankhafte Störung im Körperinneren hervorgerufen wird.

00:04:36: Katharina, jetzt mal Hand aufs Herz!

00:04:38: Wenn der Mann schon vorher gewusst hätte, dass seine Gefäße schwach sind... Hätte er dann - ganz salopp gesagt - Pech gehabt?

00:04:45: Das muss man ein bisschen näher betrachten.

00:04:47: Hier muss man beachten, was eine Gelegenheitsursache ist.

00:04:50: Dabei löst ein äußerer Umstand, wie zum Beispiel das Binden der Schnürsenkel oder aber auch ein Niesen einen Schaden nur aus, weil bereits eine erhebliche innere Vorschädigung, also eine degenerative Veränderung bestand.

00:05:02: Die Arbeit ist dann in diesem Fall nur die Gelegenheit, aber nicht die Ursache.

00:05:06: Hier war die Anstrengung aber so massiv, dass sie selbst ein gesundes Gefäß schädigen konnte.

00:05:11: Ja, siebzig Kilo!

00:05:12: Das entspricht immerhin ungefähr dem durchschnittlichen Gewicht einer erwachsenen Frau.

00:05:17: Mal ganz direkt gefragt, gibt es eigentlich eine gesetzliche Grenze was man seinen Beschäftigten zumuten darf?

00:05:23: Es gibt laut Gesetz keine starre einheitliche Kilogrenze pro Person, aber es gibt die Lasten-Handhabungsverordnung.

00:05:30: Hierbei wird durch eine Leitmerkmal-Methode beurteilt, das nicht nur des Gewichts zählt, sondern auch die Häufigkeit der Bewegung und die Körperhaltung dabei.

00:05:39: "Leitmerkmal-Methode",

00:05:40: das klingt für mich nach einem Begriff mit dem beim Scrabble gewinnen könnte.

00:05:44: Was verbirgt sich dahinter?

00:05:46: Damit bezeichnet man ein Werkzeug für den Arbeitgeber.

00:05:49: Hier wird in vier Punkten beurteilt, wie hoch die Gefahr ist.

00:05:53: Zum einen: Wie schwer ist die Last?

00:05:55: Dann: Mit welcher Körperhaltung arbeite ich?

00:05:58: Wie oft und wie lange mache ich das?

00:06:00: Und: Wie sind die Ausführungsbedingungen?

00:06:03: Wenn man all diese vier Punkte betrachtet, ergibt sich daraus ein Punktwert.

00:06:07: Ist der zu hoch, muss der Arbeitgeber sofort handeln und Maßnahmen zur Gefährdungsreduzierung ergreifen.

00:06:12: Hier waren es ja siebzig Kilo, ruckartig und aus dem Rücken gehoben.

00:06:16: Da läuten wahrscheinlich bei jedem Sicherheitsbeauftragten sofort alle Alarmglocken!

00:06:21: Und Paolo wurde ja glücklicherweise direkt ins Krankenhaus gebracht.

00:06:25: Das ist in so einem Notfall klar – und in jedem Fall das beste Vorgehen.

00:06:29: Aber normalerweise gibt's bei Arbeitsunfällen doch eine ganz bestimmte Anlaufstelle oder?

00:06:33: Richtig, der sogenannte Durchgangsarzt oder auch in Kurz der "D-Arzt".

00:06:38: Das sind ärztliche Spezialisten mit besonderer Zulassung der Berufsgenossenschaften.

00:06:42: Diese koordinieren die gesamte Behandlung. Bei lebensbedrohlichen Fällen geht es natürlich direkt in die Notaufnahme.

00:06:48: Aber die Meldung an die BG und die Einbindung eines D-Arztes erfolgt unmittelbar danach.

00:06:52: Wenn ich jetzt einen Arbeitsunfall habe, wo finde ich denn den D-Arzt?

00:06:55: Es gibt tatsächlich über die DGUV eine Suche.

00:06:58: Da kann man über einen Umkreis im eigenen Wohnort zum Beispiel suchen und dann wirft einem alle D-Ärzte aus, die es so im Umkreis gibt.

00:07:05: Spannend, also auf www.dguv.de Genau!

00:07:08: Da kann man dann so nach Krankenhäusern suchen oder nach D-Ärzten.

00:07:11: Das ist gut zu wissen.

00:07:13: Kommen wir noch einmal zurück zu unserem Unfall.

00:07:15: Wir haben es hier mit einer extremen Belastung zu tun die eigentlich hätte vermieden werden müssen.

00:07:20: Wer ist denn dafür verantwortlich, dass so eine Situation gar nicht erst entsteht?

00:07:24: Hier erfüllt die VBG in Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber den Präventionsauftrag.

00:07:29: Eine Kernaufgabe davon ist die aktive Sturz- und Überlastungsprävention.

00:07:33: Im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung erfolgt dann die verpflichtende Prüfung der Arbeitsbedingungen durch den Arbeitgeber, wie zum Beispiel in unserem Fall die Erschwärung durch den starken Frost.

00:07:42: Es gibt aber trotzdem Belastungsgrenzen.

00:07:44: In unserem Beispiel des Heben von siebzig Kilo durch eine Einzelperson sollte natürlich Tabu sein.

00:07:49: Eine Lösung könnte sein, dass man technische Hilfsmittel einsetzt, wie z.B.

00:07:52: Hebezeuge, Kräne oder Transportkarren.

00:07:54: Also lieber einmal mehr den Kran holen als die eigene Gesundheit auf's Spiel zu setzen.

00:07:59: Wer mehr dazu wissen will, findet auf www.certo-portal.de übrigens viele Informationen rund um Prävention und Gefährdungsbeurteilung.

00:08:07: Vielen Dank Katharina!

00:08:08: Das war wirklich ein spannender Fall.

00:08:10: Kommen wir nun zu unserer Abschlussfrage.

00:08:12: Was sind die zwei wichtigsten Dinge, die ich aus diesem Fall mitnehmen

00:08:15: kann?

00:08:16: Zum einen: Der Unfallbegriff ist weiter als man zunächst denkt.

00:08:20: Ein Unfall muss nicht immer ein Sturz oder ein Schlag von außen sein.

00:08:23: Auch eine Kraft, die ein Gegenstand, wie in unserem Beispiel der festgefrorene Stein, dem Körper entgegensetzt, gilt physikalisch als äußere Einwirkung.

00:08:31: Wer sich bei einer versicherten Tätigkeit durch extreme Kraftanstrengungen verletzt ist geschützt, selbst wenn der Schaden im Körperinneren passiert. Und dann spielt natürlich die Krankenhistorie eine Rolle.

00:08:42: Ein Arbeitsunfall wird eher anerkannt, wenn keine schweren Vorerkrankungen vorliegen.

00:08:46: Hätte die Hirnblutung von Paolo auch bei Gelegenheit, z.B.

00:08:50: beim morgendlichen Niesen passieren können, hätte das Urteil auch anders ausfallen können.

00:08:54: Hier war aber eindeutig die Arbeit die wesentliche Ursache.

00:08:57: Vielen Dank für die spannenden Einblicke!

00:08:59: Es hat mich sehr gefreut, dass du heute mit dabei warst.

00:09:02: Schön, dass ich dabei sein konnte...

00:09:04: Das wars wir heute bei WORKlich?! eurem Certo-Podcast über ungewöhnliche Arbeitsunfälle.

00:09:08: Wenn euch diese Folge gefallen hat dann abonniert uns gerne um keine weiteren spannenden Fälle zu verpassen Oder besucht unser Online-Magazin Certo unter www.certo-portal.de.

00:09:19: Da gibt's noch mehr Geschichten rund um das Thema Arbeitssicherheit.

00:09:23: Wir freuen uns über Feedback und eure Bewertungen.

00:09:25: Ihr erreicht uns auf LinkedIn und Instagram.

00:09:27: Die Links findet ihr in den Shownotes.

00:09:30: Schreibt uns dort gerne eine Direktnachricht, einen Kommentar oder schickt uns eine Mail an cm@vbg.de.

00:09:35: Tschüss!